Ethnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen

Der Schwerpunkt der Forschung liegt im Bereich der Transformation postkolonialer Gesellschaften, v. a. in Asien. Debatten um normative Ordnungen verlaufen in diesen Gesellschaften in der Regel konfliktiv und sind unmittelbar mit Prozessen der Staats- und Nationenbildung verwoben. Vielfach bilden sich durch fehlgeschlagene Integration unterschiedlicher ethnischer oder religiöser Gruppen rechtsfreien Räume, so genannte „Gewaltmärkte“, sind der innere Frieden und die ökonomische Entwicklung bedroht. Zusätzlich zu diesen lokalisierbaren Konfliktherden entstehen mehr oder weniger gewaltbereite fundamentalistische Bewegungen, gewinnen Verfechter religiöser Staatsmodelle an Einfluss und streiten mit Akteuren und Akteurinnen säkularer oder pluralistisch-liberaler Orientierung um die Deutungshoheit in kulturellen und politischen Diskursen. Konflikte dieser Art hat Shmuel Eisenstadt einmal als „Traumata der Moderne“ bezeichnet. In der sozial- und kulturwissenschaftlichen Globalisierungsdebatte ist unumstritten, dass sie den Prozessen der Globalisierung inhärent sind, dass sie Ergebnisse sich verschiebender Machtverhältnisse, nicht eingelöster Modernisierungsversprechen und allzu schneller Veränderungen darstellen. Stuart Hall weist darauf hin, dass vor allem das Verschwinden vermeintlicher Gewissheiten darüber, wie Gemeinschaft organisiert werden sollte, ein Problem darstellt. Wie Aushandlungen der Grundlagen von Gemeinschaft, der Legitimität bestimmter Normen und Werten, aber auch die Konstruktion kollektiver Identitäten unter diesen Bedingungen verlaufen, ist für Gesellschaften außerhalb Europas noch wenig erforscht.

Eisenstadt reduziert die neuen Leitbilder der „zweiten Moderne“ auf das antagonistische Paar Totalitarismus versus Pluralismus; die Wirklichkeit ist jedoch komplexer. Viele Akteure beziehen sich in einigen Kontexten auf tolerante Gesellschaftsmodelle, in anderen aber auf totalitäre und kombinieren Aspekte von Demokratie und Partizipation mit ethnischem Hegemonialstreben und religiösem Fundamentalismus, Vorstellungen wirtschaftliche Entwicklung mit diktatorischen Staatsformationen. Sie verhandeln globale Diskurse über die universelle Gültigkeit der Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit, Dogmen der Weltreligionen, die Notwendigkeit eines Kampfes gegen die Armut, Vorstellungen von „good governance“ und sozialer Verantwortung mit lokalen Ideen von Exklusion und Inklusion, primordialistisch begründeten Herrschaftsansprüchen und örtlichen kulturellen Traditionen, die den Menschenrechten zuwider laufen. Die hybriden kulturellen Konstruktionen werden durch spezifische Deutungen religiöser Texte und neue Entwürfe von Geschichte legitimiert, durch Verwendungen von Symbolen und rituelle Inszenierungen perpetuiert und zu Lebensstilen und Alltagpraxen verdichtet. In nichtwestlichen Gesellschaften finden bei den Entwürfen für Staat und Gesellschaft häufig antiwestliche oder zumindest anti/postkoloniale Aspekte Berücksichtigung, die sich u. a. in einer Betonung so genannter „asiatischer“ resp. „islamischer Werte“ verdichten.

Die Forschung setzt an bestehenden Wissensbeständen über Kreolisierung, Hybridität und Aneignung an und entwickelt diese für einen regionales Forschungsfeld weiter, das sich durch eine Kombination der oben angesprochenen Konfliktbereiche sowie eine enge Verzahnung lokaler, nationaler und globaler Handlungsebenen auszeichnet. Die Metapher des „globalen Flusses“ von Ideen und Waren, Menschen und Informationen, die Arjun Appadurai in die Globalisierungsdiskussion einführte, wird dabei eine wichtige Rolle spielen.

Bangkok 2008

Bangkok 2008

Die Frage der Herausbildung neuer normativer Ordnungen wird aus der Perspektive der Akteure und Akteurinnen untersucht, deren Beweggründe und Handlungsstrategien sichtbar gemacht und verstehend nachvollzogen werden. Grundlegend sind in diesem Zusammenhang die Machtverhältnisse zwischen und innerhalb dieser Akteursgruppen sowie Handlungsspielräume der Individuen. Beide werden hier als dynamische und multifokale Phänomene verstanden, die diskursiv und durch soziale Praxen aufrechterhalten werden. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Lebenswirklichkeiten und Alltagsroutinen der Akteure und Akteurinnen gerichtet sein, sollen soziale, politische und kulturelle Lebensstile dokumentiert und analysiert werden, in denen neue Identitäten zum Tragen kommen. Da das Handeln von Individuen erst vor dem Hintergrund kultureller Leitbilder legitim und sinnhaft wird, soll weiterhin Gewicht auf die Rekonstruktion kultureller Kontexte gelegt werden wie sie in mythischen Erzählungen, Geschichtsbildern, Filmen, Musik und Kunst zum Ausdruck kommen oder bei zeremoniellen Anlässen ritualisiert, inszeniert und öffentlich gemacht werden. Dies ermöglicht einen Zugang zu semantischen und performativen Dimensionen, die für eine Deutung der Transformationsprozesse unerlässlich sind.